Call for Papers - III. Forum Kunst des Mittelalters, Hildesheim 16.-19. September 2015

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Call for Papers
III. Forum Kunst des Mittelalters
Hildesheim, 16.-19. September 2015

 

Sektionsthemen:

1. Neue Forschungen zu Bischofssitzen und Klöstern in Ostmitteleuropa 10.–13. Jahrhundert (GWZO Leipzig – Jiři Fajt & Markus Hörsch / Leipzig)
Archäologische Untersuchungen und die kritische Durchsicht älterer Grabungsdokumentationen haben insbesondere in Polen neue Erkenntnisse über frühromanische Kathedralbauten hervorgebracht. Aber auch in anderen Ländern und Regionen Ostmitteleuropas wurden in den letzten 25 Jahren umfangreiche Forschungen betrieben, die den Kenntnisstand über früh- und hochmittelalterliche Sakralarchitektur erweitern konnten.
Aufgrund der Sprachbarrieren beschränkt sich die Diskussion der Befunde häufig auf wenige Fachleute. Die GWZO-Sektion möchte die Gelegenheit bieten, einen breiteren Kreis von Interessenten mit der aktuellen kunsthistorischen, bauforscherischen und archäologischen Tätigkeit in Polen, Tschechien und Ungarn bekannt zu machen.
Gewünscht werden Beiträge zu den Schwerpunkten geistlicher Herrschaft und monastischen Lebens auf dem Gebiet der genannten Staaten sowie in den östlichen Teilen Deutschlands und Österreichs.

2. Bischöfe im Hohen Mittelalter – Mittler, Auftraggeber, Heilige (Bruno Klein / Dresden)
Bischöfe waren im hohen Mittelalter Träger zentraler gesellschaftlich-stabilisierender Aufgaben, die sie kulturell, politisch und spirituell auf vielfach verschränkte Art wahrzunehmen hatten. Erst in der Moderne glaubte man, die einzelnen Funktionen analytisch trennen zu können, aber den mittelalterlichen Akteuren war dies noch nicht möglich.
Daher soll in der Sektion untersucht werden, wie einzelne Bischöfe – samt ihres Kreises – vor allem durch künstlerische Inszenierungen auf vielfältige Weise versuchten, diese Aufgabe entweder individuell zu bewältigen oder wie sie an der Entwicklung zeitübergreifende Ortstraditionen beteiligt waren. Gerade Hildesheim mit Persönlichkeiten wie Bernward oder Godehard kann diesbezüglich für beides als Paradebeispiel eines Ortes gelten, an dem Bischöfe versuchten, sich selbst wie ihre Amtskollegen als Stifter und Heilige zu inszenieren.
In der Sektion sollten sowohl lokalspezifische Detailuntersuchungen wie übergreifende Überlegungen präsentiert werden, die in der Summe zu einem systematischeren Bild der Rolle der Bischöfe beitragen können.

3. Europäisches und mediterranes Mittelalter: Handel, Mobilität und kulturelle Horizonte 600-1200 (Manfred Luchterhandt / Göttingen)
In den letzten Jahren hat die kunsthistorische Mediävistik auf die Integrationsdebatte in Politik und Gesellschaft mit einer neuen Selbstvergewisserung reagiert. Der nationalstaatlichen oder europäischen  Ausrichtung, die noch immer den Buch- und Stellenmarkt beherrscht, folgte unter dem Stichwort „Mittelmeerstudien“ die Ausweitung in Gegenstandsbereiche, die bisher der Christlichen Archäologie, Byzantinistik oder Islamwissenschaft vorbehalten waren. So sinnvoll und erfreulich diese Öffnungsversuche sind: Der Beitrag, den bereits frühere Generationen mit anderem Fokus zu dieser Debatte geleistet haben, wird hinter wirkungsvollen Zuspitzungen des cultural exchange („Kaiser und Kalifen“, Berlin 2014) häufig übersehen. Während die italienische Mediävistik bis heute eine starke Affinität zur christlichen Kunst des östlichen Mittelmeerraums besitzt und die einstige Kolonialmacht Frankreich seit Pirenne das Konzept einer méditerranée diskutiert, sind auch in der angloamerikanischen Forschung die Grenzen zwischen westlichem und östlichem Mittelalter stets durchlässig geblieben. Nicht umsonst stammen die profundesten Untersuchungen, die zuletzt dem Mittelmeer als nachantikem Kommunikations- und Wirtschaftsraum gewidmet wurden, aus der Feder amerikanischer und englischer Wirtschaftshistoriker  (McCormick 2001; Wickham 2005).
Die kunsthistorische Mediävistik in Deutschland hat dieses Thema mit Verspätung entdeckt, was auch an der universitären Aufteilung der Disziplinen liegt, bei der der Byzantinistik traditionell die Spätantike zufällt und die Nähe zur islamischen Welt, während das westliche Mittelalter auf sich selbst verwiesen bleibt. Dies hat nicht nur den Mythos eines karolingischen Neuanfangs befördert und die Kunstgeschichte von fruchtbaren Debatten um die Transformation der römischen Zivilisation in den postantiken Gesellschaften Europas abgeschnitten, sondern auch die notwendige Sensibilität für das Nebeneinander von Antike und Mittelalter, für Kontinuitäten und Ungleichzeitiges verhindert: In vielen Städten des Westens überlebte die Spätantike länger als in Byzanz, während sich ein Römer des 9. Jahrhunderts im frühislamischen Damaskus mit seinem nachantiken Stadtbild vermutlich leichter zurechtfand als in Frankfurt oder Paderborn. Spätestens seit die Geschichtsforschung stärker den „postimperialen“ als „frühmittelalterlichen“ Charakter des Frankenreichs betont, dessen längste Außengrenze das Mittelmeer mit seinen Handelsstädten blieb, ist es legitim geworden, diesen wichtigsten Wirtschafts- und Kommunikationsraum der damaligen Welt, der die lateinischen, griechischen und arabischen Mächte bis um 1000 durch unzählige Schiffsbewegungen verband, in die Kunstgeschichte Westeuropas einzubeziehen.
Die Sektion möchte die Möglichkeiten einer solchen grenzüberschreitenden mediterranen Mediävistik anhand von Fragen diskutieren, die sich zuletzt als vielversprechend erwiesen haben, und aktuelle Forschungen zur Diskussion stellen: im Zentrum stehen Aspekte der Produktion und Zirkulation von Luxuswaren (Elfenbein, Seide, Textilien) und mobiler Kunst (Ikonen, Bücher, Reliquiar), die sich in fast allen Kunstschätzen Europas finden, die Frage nach Märkten, Produktionszentren, den Wegen von Handel und Diplomatie oder der ‚kulturellen Biographie‘ einzelner Artefakte: Welche Rückschlüsse lassen sie auf die Kontakte, Verkehrswege und kulturellen Horizonte der Beteiligten zu, wie wurden sie wahrgenommen und verstanden, welche Konjunkturen von Produktion und Nachfrage bestimmten das Prestige, das solche Artefakte ihrem Besitzer einbrachten, wurden sie zum Gegenstand von Kontroversen, Missverständnissen, kultureller oder enzyklopädischer Neugier?
Im Unterschied zu anderen Debatten sollen dabei bekannte Konzepte von ‚Transkulturalität‘ und ‚Fremdwahrnehmung‘ nicht im Fokus stehen und die Gefahr eines nur forschungsstrategisch motivierten, aber oberflächlichen ‚Neo-Orientalismus‘ vermieden werden.  Vielmehr stehen die Objekte als Zeugen für die Leistungsfähigkeit von Arbeit und grenzüberschreitendem Tausch in unterschiedlich kommunizierenden Herrschaftsräumen, bei denen die Verbindung von gesellschaftlichem Prestige mit materiellen und symbolischen Werten ein ebenso legitimer Forschungsgegenstand der Kulturgeschichte wie der Wirtschafts- und Handelsgeschichte  ist. Zu diskutieren wäre auch die Frage, wieweit der Handel mit solchen Luxuswaren wie derjenige mit Waffen, Sklaven oder Gewürzen eine eigene Kategorie von Prestigegütern etablierte, die über die Grenzen von Politik, Kultur und Religion hinweg den ästhetischen Wertvorstellungen sehr unterschiedlicher Eliten entsprach. Fallstudien zu einzelnen Objekten oder Gattungen sind dabei ebenso willkommen wie historisch oder theoretisch ausgerichtete Beiträge, aber auch Forschungen, die Fragen von Kultur- und Wirtschaftsgeschichte verknüpfen.

4. HAS VALVAS FVSILES – 1000 Jahre Bernwardtür (Dommuseum Hildesheim - Michael Brandt, Claudia Höhl & Gerhard Lutz / Hildesheim)
Im Jahr 2015 wird die Bernwardtür im Hildesheimer Dom 1000 Jahre alt. Dies soll Anlass sein, den berühmten bronzenen Türflügeln eine eigene Sektion zu widmen.
Im Rahmen der 2014 abgeschlossenen Domsanierung ergab sich nicht nur die Möglichkeit zu umfangreichen archäologischen Ausgrabungen im gesamten Dom, sondern auch während der Auslagerung und Neuaufstellung der Tür technologische Untersuchungen durchzuführen und Beobachtungen zu ihrer Herstellung und Beschaffenheit zu sammeln.
In der Sektion soll deshalb einerseits die Möglichkeit bestehen, die dabei gewonnenen Erkenntnisse zur Herstellung und Technik der Türen zur Diskussion zu stellen. Dabei sollen auch neuere archäologische und technologische Erkenntnisse von andernorts einbezogen werden, die Licht auf den weiteren Kontext der Entstehung der Tür werfen können.
Andererseits werden neben dem ursprünglichen Aufstellungszusammenhang auch die kunsthistorische Verortung der Stiftung Bischof Bischof Bernwards bis in die aktuelle Forschung hinein zum Teil kontrovers diskutiert. Deshalb sind auch Beiträge willkommen, die vom Vergleich mit anderen frühen monumentalen Bronzewerken, von der Diskussion der Inschrift, den inhaltich-theologischen Quellen bis hin zu den relevanten künstlerischen Vorlagen und Voraussetzungen reichen können.

5. Herrschaftslandschaft im Umbruch. Der Merseburger Dom und die Architektur des 11. Jahrhunderts in Sachsen (Institut Europäisches Romanik Zentrum an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - Wolfgang Schenkluhn & Andreas Waschbüsch / Halle an der Saale)
Als Bischof Thietmar von Merseburg im Jahr 1015 den Grundstein zu einer neuen Bischofskirche legte, war dies ein Neuanfang in doppelter Hinsicht. Zum einen erhielt das Bistum nach seiner zwischenzeitlichen Auflösung (981-1004) eine neue, den Anspruch und den Status des Merseburger Bischof und seines Domkapitels repräsentierende Kathedrale, zum anderen ist der Neubau Teil des Versuchs Merseburg als einen „Erinnerungsort“ ottonischer Herrschaft zu etablieren. Doch schon bald verlagerte sich das Herrschaftszentrum – schon unter Heinrich II. traten ‚neue’ Orte in den Fokus der herrscherlichen Repräsentation und unter den Saliern verlor die ‚alte’ Königslandschaft Sachsen vollends ihren einstigen Stellenwert.
Die Sektion beleuchtet davon ausgehend die Konzepte der Kompensation von Herrschaftsferne im Medium der Architektur, deren Ausdrucksformen zwischen plakativer Traditionswahrung und der Orientierung an neuen Vorbildern changieren können. Als mögliche Untersuchungsobjekte böten sich neben Merseburg (u.a. Krypta und Rudolf-Grablege), der Magdeburger Dombau unter Erzbischof Tagino, die Dome in Naumburg und Zeitz sowie die Klosterkirche in Goseck an. Als zeitlicher Rahmen dient das Jahr der Grundsteinlegung in Merseburg (1015) und dasjenige des Todes von Rudolf von Schwaben (1080).
Als Ausblick sind jedoch auch Vorträge möglich, die das angesprochene Thema an den Umbauten des Merseburger Doms bis ins 13. Jahrhundert (Chorneubau, Chorschrankenanlage, Westvorhalle) weiter verfolgen.

6. Karolingische Kunst und die Suche nach Authentizität / Carolingian Art and the Quest for Authenticity (International Center of Medieval Art - Adam Cohen / Toronto & Genevra Kornbluth / Glenn Dale)
When the bishopric of Hildesheim was founded in 815, Carolingian material and visual culture had reached a high plateau. Achievements under Charlemagne (d. 814) were being followed and extended by artists working for Louis the Pious, church officials, and secular magnates; and the reigns of the later Carolingians would be resplendent as well. This session celebrates the founding of Hildesheim by examining different aspects of that art.
Scholars increasingly have questioned the traditional, monolithic view of Carolingian culture (often termed “the Carolingian Renaissance”). Doing so raises the fundamental problem of what, in fact, constitutes a true reflection of Carolingian practice or belief. Questions about truth and authenticity are at the heart of current studies by several Anglophone scholars.
Early medieval rulers and institutions amassed great collections of sacred relics, and had elaborate “purse reliquaries” created to contain them (e.g. the Enger Reliquary in Berlin). Those reliquaries provided one sort of authentication for the relics inside, and written relic labels, which survive in large numbers, provided another sort. Along with wills and testaments, can that evidence allow us to understand how one obtained a ‘true’ relic or reliquary in the heart of early-ninth-century Europe?
Authenticity was also a concern of political/legal systems. Under the Merovingians, the personal documents developed out of Roman practice were supplemented by official charters. The Carolingians greatly expanded the use of such charters as guarantors of the authentic acts of rulers, archbishops, and others. The wax seals on those charters became so important that ninth- and tenth-century owners of legitimate earlier documents sometimes added forged seals to them. What can the designs on Carolingian forgeries tell us? And what about genuinely ninth-century seal matrices that have imagery on both front and back, even though only one side was pressed into wax? Did figures on the reverse help to authenticate the matrix for an owner or chancery?
How was Carolingian material culture received and understood as authentic by later generations? The Ottonians famously used Carolingian objects as springboards for their own new creations (e.g., the Touronian Bible frontispieces and Bernward of Hildesheim's bronze doors). The new objects of course reflected the concerns of their own time, rather than merely repeating what had gone before. But did anything constitute the ‘true’ kernel of the Carolingian work that had to be preserved? Why was that element repeated when others were changed? Did that Carolingian core help to authenticate the new object for its tenth- to eleventh-century audience? If so, how?
And what about our own era? How have we formed our concepts of what is authentically Carolingian? Much recent scholarship has focused on how the great exhibitions of the nineteenth and twentieth centuries have shaped popular conceptions of the Middle Ages. Many more aspects of the question remain to be examined. The Guelph Treasure, currently in the news because of post-WWII restitution issues, was paraded around the United States on a multi-city tour before parts of it found homes in Chicago, Cleveland, and Philadelphia. How did that tour, and the publicity surrounding it, affect popular and scholarly attitudes? What about television series like Kenneth Clark’s Civilization? Do they still define what is seen as truly Carolingian?

7. Schmuck zwischen Früh- und Spätmittelalter: kostbare Dinge – Medien des Blicks und der Berührung (Silke Tammen / Gießen)
Seit ca. 30 Jahren besteht das von Johann M. Fritz aus Perspektive der Goldschmiedekunstforschung erhobene und von Maria Stürzebecher (2010, 63) wiederholte Desiderat: „Alle anderen Schmuckgattungen [abgesehen von der Arbeit Fingerlins (1971) über Gürtel] sind in ihrem Zusammenhang noch weitgehend unerforscht, was in der geringen Anzahl vorhandener Exemplare begründet liegt.“ Angesichts der geschätzten enormen Verlustraten vor allem weltlichen Schmucks mag man zwar zurecht von „geringen“ Mengen sprechen. Ein gravierenderes Problem bildet aber die bis dato ausstehende Vernetzung von Material- und Wissensbeständen: Mittelalterlicher Schmuck wurde und wird nämlich durchaus intensiv erforscht, betrachtet man nur die neueren Publikationen zu Schatzfunden oder die rege Forschung zu den Bildkulturen der spätmittelalterlichen, vor allem der französischen Höfe. Schmuckforschung geschieht aber häufig abgekoppelt von aktuellen bildgeschichtlich-mediävistischen Diskussionen des Blicks und der Taktilität, des Zusammenhangs von Körper und Bild, von Dinglichkeit und Materialität oder der Beweglichkeit der Medien und ihrer Betrachter. Derartige Aspekte erforscht die Mittelalterkunstgeschichte eben nicht am Schmuck, sondern vorzugsweise am Beispiel von Buch- und Tafelmalerei oder der Kleinplastik, was mit einer unterschwellig noch wirksamen Gattungshierarchie zusammenhängen mag.
Mit einer Sektion über Schmuck, vor allem über bild- und schrifttragenden Schmuck (Anhänger, Schließen weltlicher und geistlicher Gewänder, Broschen und Abzeichen, Gürtelbesätze und -schnallen, Ringe, Kronen, um nur die geläufigsten Schmuckobjekte zu nennen, die im Westen seit dem ausgehenden 12. Jh. in größerer Zahl überliefert sind), soll ein Impuls zu einer vernetzten Schmuckforschung gegeben und ein Dialog zwischen objektzentrierten, historisch-kontextualisierenden und eher bild- und mediengeschichtlichen Ansätzen angeregt werden. Die Sektion will dazu einladen, an Erkenntnisse aus der Reliquiar- und Andachtsbildforschung, an die Debatte um Grenzverläufe zwischen weltlicher und religiöser Kunst, an die kulturwiss. Forschungen zu Materialität und Dinglichkeit anzuknüpfen und deren Theorien vor neuen Objektbeständen kritisch zu spiegeln.

8. Mobilität, Transfer und Austausch in der Kunst des frühen Mittelalters (Beatrice Kitzinger / Stanford & Joshua O’Driscoll / Cambridge, Mass.)
Seit der Enstehung der kunsthistorischen Disziplin war die Erforschung frühmittelalterlicher Kunst weitgehend durch regionalen bzw. herkunftsbezogene Paradigmen bestimmt: entweder wurden künstlerische Schulen konstruiert, Kunstwerke ausgehend von ihren dynastischen Zusammenhängen oder ihrer Herstellung in einem bestimmten Skriptorium bzw. Werkstatt untersucht sowie Gegenstände innerhalb geographischer Grenzen erforscht. Nimmt man hingegen die ausgedehnte politisch und kulturelle Vernetzung der jeweiligen Eliten in den Blick, z.B. die Hildesheimer Bischöfe im 10. und 11. Jahrhundert, so scheint geboten, frühmittelalterliche Kunstwerke im Kontext einer Welt der Mobilität, des Transfers und des Austauschs zu befragen. Die Sektion lädt daher zu Beiträgen ein, die die Mobilität von Menschen und Objekten zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert in den Blick nehmen und Kunstwerke jenseits der Grenzen zentraler-imperialer Geographien bzw. jenseits der gegenwärtig vorherrschenden Deutungsmuster untersuchen. Wir möchten zu neuen Perspektiven auf die frühmittelalterliche Kunstproduktion anregen, die das Werk und seine Herstellung vor dem Hintergrund künstlerischer und kultureller Austauschprozesse beleuchten. Mögliche Themen umfassen: die Art und Weise des Austauschs (z.B. reisende Künstler, das Kunstwerk als transportablee Gegenstand), Netzwerke, die Zeitgenossenschaft frühmittelalterlicher Kunstwerke, lokal versus fremd oder Fremdartigkeit, Topographien der Kunst, Anachronismus oder die Pluralität der Stile und Macharten, das Nachleben älterer Gegenständen an anderen Orten sowie geographisch bedingte Beziehungen zwischen Bild und Schrift, bzw. Bild und Ort.
Abstracts zum Thema der Sektion sind in Deutsch, Englisch und Französisch willkommen.

9. Neue Forschungen zum Bamberger Dom und seiner Ausstattung vom 11. bis zum 13. Jahrhundert (Matthias Exner / München & Gerhard Weilandt / Greifswald)
Der romanisch-frühgotische Bamberger Dom (geweiht 1237) ist in vielerlei Hinsicht ein „Erinnerungsbau“ an den Vorgänger aus dem 11. Jahrhundert, der im Auftrag Kaiser Heinrichs II. entstand. Die Architektur beider Bauten war aus archäologischer wie bauhistorischer Sicht in den letzten Jahren Gegenstand intensiver Untersuchungen im Rahmen von Forschungsprojekten der Universität Bamberg, jüngst auch im Zuge der Inventarisation durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. Das gilt auch für die künstlerische Ausstattung der Bamberger Kathedrale mit zentralen Werken der mittelalterlichen Schatz- und Textilkunst, der Skulptur und Malerei seit der Ottonenzeit.
Für das neue Inventarwerk wurden nicht nur die Schriftquellen einer Neubewertung unterzogen, sondern auch der materielle Bestand wurde auf moderner methodischer Grundlage eingehend untersucht. Überraschende Ergebnisse, die bislang z.T. noch unpubliziert sind, brachten wesentliche neue Erkenntnisse, sowohl in Bezug auf die Baugeschichte als auch auf die Skulpturen und die innere Ausgestaltung des Baues.
Angesichts der überragenden historischen wie kunsthistorischen Bedeutung des Bamberger Domes ist es sinnvoll, die neuen Erkenntnisse öffentlich zur Diskussion zu stellen. Uns erscheint das Forum Kunst des Mittelalters – den Titel Forum aufgreifend – der angemessene Platz für den Austausch mit den Fachkollegen zu sein. Allerdings ist uns sehr wichtig, dass nicht allein die Projektmitarbeiter des Inventarbandes zu Wort kommen und der Austausch allein über die in Hildesheim zufällig anwesende Öffentlichkeit stattfindet. Vielmehr sollen alle Forscherinnen und Forscher angesprochen werden, die sich mit der Materie beschäftig und Anregendes beizutragen haben. Dies ist ein Garant für eine intensive Diskussion auf hohem Niveau, wie wir sie für die Tagung erstreben.
Erbeten werden Referatvorschläge sowohl zum ottonischen als auch zum spätromanischen Bau einschließlich der Ausstattungen. Die zeitliche Obergrenze soll die Zeit der Vollendung des staufischen Domes um die Mitte des 13. Jahrhunderts sein. Auch solche Vorschläge sind willkommen, die sich mit den Kontinuitäten zwischen der früh- und hochmittelalterlichen Kathedrale, z.B.  in Bezug auf ihre Nutzung, die Architekturtopografie und die Liturgie beschäftigen.

10. Neue Forschungen zur früh- und hochmittelalterlichen Architektur in Italien (Werner Jacobsen / Münster & Hildegard Sahler / München)
Italien bildet im Früh- und Hochmittelalter aufgrund seiner unterschiedlichen politischen Herrschaftsgebiete keine einheitliche Sakralarchitektur aus. Langobardisches Königreich, Durchzugsgebiet der karolingischen und ottonischen Herrscher auf ihrem Weg nach Rom, Kirchenstaat, normannisches Herrschaftsgebiet und Teil des Heiligen Römischen Reiches – sind nur einige der Faktoren, welche Einfluss auf die Baukunst dieser Zeit hatten. Die Frage, inwieweit sich in diesem heterogenen Gebiet Kunstlandschaften ausgebildet haben, und in welcher Beziehung sie zueinander oder zu anderen Regionen stehen, ist noch nicht hinreichend untersucht.
Ziel dieser Sektion ist die Vorstellung der aktuellen Forschungen zur italienischen Baukunst des Früh- und Hochmittelalters. Willkommen sind hierbei Untersuchungen zu Einzelbauwerken, zu Bautengruppen und zur Architektur einzelner Regionen. Der Schwerpunkt soll dabei auf der sakralen Baukunst liegen. Forschungen, welche unterschiedliche methodische und interdisziplinäre Ansätze zur Analyse der Bauten und ihre Einordnung in die Architektur Italiens verfolgen, sind willkommen: Bauforschung, Archäologie, Restaurierungsgeschichte, vergleichende Stilkritik, liturgische, funktionale und historische Herangehensweise können zu Diskussionen anregen.
Die Sektion soll den aktuellen Stand der Forschung aufzeigen, diskutieren und dem - auch interdisziplinären - Austausch dienen. Junge Wissenschaftler werden ausdrücklich ermutigt, sich diesem vielseitigen Forschungsgebiet zu widmen. Eingeladen sind besonders auch italienische Wissenschaftler. Es besteht daher auch die Möglichkeit, den Vortrag in italienischer Sprache zu präsentieren.

11. Neue Forschungen zur liturgischen Gewandung bis zum 12. Jahrhundert (Regula Schorta / Riggisberg)
Der Fund der Grabgewänder Bischof Godehards (reg. 1022-1038) in seinem Schrein im Hildesheimer Dom hat den vor Ort überlieferten Bestand an hochmittelalterlichen liturgischen Gewändern um eine nahezu vollständig erhaltene Dalmatika sowie um Teile einer Kasel und Bruchstücke lederner Pontifikalschuhe erweitert. Die Sektion möchte die Funde zum Anlass nehmen, den Blick erneut auf die in erstaunlich grosser Zahl im Original überlieferten Textilien zu lenken. Ein wichtiges Desiderat ist nach wie vor die Gegenstandssicherung, sei es um scheinbar anerkannte Entwicklungslinien zu hinterfragen und gegebenenfalls zu revidieren, sei es weil Einzelformen oder wiederkehrende Details der Ausgestaltung zwar verschiedentlich beschrieben, aber noch nicht zusammenfassend behandelt und diskutiert worden sind. Die Kasel, die Bischof Bernward (reg. 993-1022) seiner Gründung St. Michael gestiftet hat, lässt sowohl nach der Rolle von Gewändern bei Erstausstattung von Kirchen fragen, als auch nach den Mechanismen der Überlieferung und dem Wandel vom Gebrauchsgegenstand zur Reliquie. Die beiden Kaseln schliesslich, die im Schatz von St. Godehard erhalten geblieben sind, zeugen vom weiten Spektrum der künstlerischen und materiellen Qualität solcher Gewänder, die von ungemusterten dünnen Seidenstoffen bis hin zu reicher Goldstickerei auf purpurfarbener Seide reicht und sowohl lokale Produktion wie luxuriöse Importware umfasst.
Erwünscht sind objektnahe Beiträge, die im Zeitraum seit der karolingischen Liturgiereform und bis ins ausgehende 12. Jahrhundert handeln, die als Fallstudien erhaltene Gewänder oder Gewandgruppen besprechen, die Fragen zur Herkunft der Stoffe und Materialien sowie zur Herstellung der Gewänder nachgehen oder die bildliche oder schriftliche Quellen wie Inventare, Rituale oder Ankleidegebete auf ihr Verhältnis zu den Realien hin untersuchen.

12. Produktivität im Umkreis der Hildesheimer Reliquienschreine im 12. und 21. Jahrhundert: Herausforderungen an die interdisziplinäre Forschung (Dorothee Kemper / Hildesheim & Hedwig Röckelein / Göttingen)
Im Gefolge der Heiligsprechung Bischof Godehards 1131 zeichnet sich ein Aufschwung in der Hildesheimer Goldschmiedeproduktion ab, die offensichtlich nicht nur die beiden Reliquienschreine für Godehard und Epiphanius (u.a.) betraf, sondern auch weitere Objekte der materiell und handwerklich aufwendigsten Kategorie. Die in der älteren Forschung als zugehörig erkannten Objekte dieser Gruppe stehen seit 2013 im Zentrum eines Forschungsprojekts (Dommuseum Hildesheim, Institut für anorganische Chemie Hannover), das auf exemplarische Weise die interdisziplinären Methoden bündeln soll (Corpus Scriniorum). Dabei stehen verschiedene Fragen im Vordergrund: wie lassen sich die erhaltenen Originalbestände herauskristallisieren und die verlorenen Zustände rekonstruieren, woher stammen die verwendeten Materialien (Metalle, Holz, Textilien, Gläser), welche technischen und historisch-hagiographischen Komponenten prägten den Herstellungsprozess?
Beteiligt sind hoch spezialisierte Restauratoren aus den Bereichen Metall, Holz, Textilien, Glas, Korrosion, Papier, außerdem Wissenschaftler aus den geisteswissenschaftlichen Bereichen (Kunstgeschichte, Geschichte, Epigraphik) und medizinisch-naturwissenschaftlichen Gebieten (Analytiker für organische und anorganische Chemie, Paläo-Anthropologen) sowie Spezialisten für die darstellenden Techniken mit jeweils hohen Ansprüchen an ihre fachlichen Möglichkeiten (Fotografen, Diplomingenieure, Röntgenspezialisten, Kriminologen, Grafiker).
Das fächer- und länderübergreifende Projekt erfordert von den Beteiligten ein hohes Maß sowohl an Spezialisierung, als auch an Kommunikationsbereitschaft gegenüber den Nachbardisziplinen. Die zweibändige Publikation ist für 2015 vorgesehen; die Sektion soll die Ergebnisse in der Fachwelt präsentieren, die Beteiligten zusammenführen, einen Dialog über die Spezialuntersuchungen im übergeordneten Kontext, und damit einen Austausch und Kontakte zwischen den verschiedenen Disziplinen auch im Hinblick auf andere Projekte etc. im Sinne eines „Forums“ ermöglichen.
Der Aufruf, der von dieser Sektion ausgeht, soll dementsprechend nicht nur projekteigene Mitwirkende betreffen, sondern auch darüber hinaus Anregung und Gelegenheit bieten, ähnliche Projekte, Methoden und Ansätze vorzustellen. Vorschläge seitens der genannten Disziplinen sind sehr willkommen.

13. Ornament zwischen Ästhetik und Funktion. Ein neuer Blick auf frühmittelalterliche Handschriften (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel - Christian Heitzmann / Wolfenbüttel & Gia Toussaint / Hamburg)
Traditionell gilt das Ornament als Schmuckform, die sich selbstverständlich dem Objekt, das es schmückt, unterordnet; seine Rolle scheint marginal. Daß das Ornamentale neben seiner stilistischen Relevanz nicht nur dekorativen, sondern geradezu konstitutiven Charakter für ein Artefakt haben kann, läßt sich eindrucksvoll an der Buchmalerei des frühen und hohen Mittelalters zeigen. Unabhängig von formalen und stilistischen Problemen kann nach der ästhetischen Funktion des Ornaments gefragt werden. Wie wird der Bild- und Schriftraum, beispielsweise einer Pergamentseite, durch den Einsatz von Ornamenten bestimmt? Wie ist sein Verhältnis zu anderen Gestaltungselementen wie Rahmung, Schrift, Buchstaben, Initialen, aber auch zu figurativen Bildern? Wie verändert Ornamentierung die Wahrnehmung des Textes? Welche Auswirkungen hat sie auf die Steuerung des Betrachterblicks und die Lesbarkeit? Wird ein Manuskript durch den Einsatz von Ornamenten auf- oder abgewertet?
Neben der Frage nach dem Verhältnis des Ornaments zu Schrift, Schriftzeichen und Text ist auch zu klären, inwiefern das Ornament selbst Bild ist. Eine Vielzahl von Initialen und Incipits, z.B. der Reichenauer Schule, ist ornamental-bildhaft. In manchen Handschriften erscheinen die Schriftzeichen als solche zwar deutlich sichtbar, ihr Wortzusammenhang ist aber ornamental aufgelöst und nicht oder nur eingeschränkt lesbar. Erhöht die bloße Präsenz der Schrift als (ornamentales) Zeichen die auratische Wirksamkeit des Wortes oder Textes? Kann das Ornament die statische und fixierende Schrift beleben oder sie entgrenzen, dynamisieren, um z.B. bei einem Evangeliar die in ihr verborgenen göttlichen Geheimnisse freizusetzen?
Anhand dieses umfangreichen Fragenkatalogs bitten wir um Beiträge zum Themenfeld „Ornament zwischen Ästhetik und Funktion“.

14. Sakraltopographien (Bernd Nicolai & Jörg Richter / Bern)
Der Bischofssitz Hildesheim ist bekannt für sein im hohen Mittelalter kreuzförmig um den Dom herum gegründetes Ensemble weiterer Stifts- und Klosterkirchen. Ähnliche Phänomene sind etwa aus Konstanz oder aus Paderborn bekannt. Ausgehend vom spätantiken Begriff der terra sancta hat schliesslich die sakrale Qualität, die für eine ganze, komplex strukturierte Grossstadt in Anspruch genommen worden ist, in der Wendung von der Sancta Colonia über die longue durée von Jahrhunderten hinweg ihren stehenden Ausdruck gefunden.
Der Tagungsort Hildesheim soll Anlass sein, planmässig gestalteten Sakraltopographien in vergleichender Perspektive nachzugehen: Lassen sich, jenseits der bekannten ekklesiologischen Begründungen für das Auszeichnen von Sakralräumen, auch theologische Konzepte für „geheiligtes Terrain“ ausserhalb des eigentlichen Kirchenraumes nachweisen? Mit welchen architektonischen bzw. städtebaulichen Mitteln konnte der geheiligte Raum inter ecclesias visualisiert werden? Welche Rituale, beispielsweise in Form von Prozessionen, waren geeignet, den geheiligten Raum zwischen den geistlichen Institutionen erfahrbar zu machen? Ändern sich die Vorstellungen und die Inszenierungen von solchen Räumen, etwa im Zuge der Ausdifferenzierung von Parochien oder bei der Niederlassung neuer Ordensgemeinschaften?
Gebeten wird um Vorschläge zu Vorträgen, die diesen und anschliessenden Fragen anhand von Fallbeispielen oder in synthetisierender Weise nachgehen. Um den vergleichenden Aspekt zu gewährleisten, wünschen wir uns Beiträge zu Sakraltopographien, die in ganz Europa und im Mittelmeerraum von der Spätantike bis zum hohen Mittelalter angelegt worden sind. Gegenstand der Untersuchung könnten u. a. sowohl Kathedralstädte als auch Klosterkomplexe, Netze von Höhlenklöstern oder auch Pilgerzentren sein.

15. Stets im Bild – der Beitrag der Epigrafik zur Datierung mittelalterlicher Kunst (Christine Wulf / Göttingen)
Gegenstand der Sektion ist das Problem der Datierung von Kunst vor 1250 und der spezifische Beitrag, den die Inschriften dazu leisten können. Neben örtlichen Fallbeispielen, wie die Frage der Datierung der Hildesheimer Bilder-Decke, wo epigrafische und stilkritische Überlegungen zu jeweils unterschiedlichen Datierungen desselben Objekts geführt haben, sollen in der Sektion weitere Fallbeispiele aus der Region, wie zum Beispiel Halberstadt, aber auch überregionale Studien vorgestellt werden.

16. Stifter und Memoria von den Brunonen zu den Welfen (Jochen Luckhardt & Heike Pöppelmann / Braunschweig)
Seit etwa 50 Jahren bereits entwickelt sich eine Forschungstradition „zum Gebetsgedenken, zur Gemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen in Zeugnissen des Mittelalters, zur Memoria und Memorialüberlieferung“ (Gerd Althoff), ohne deren Kenntnis die Entstehung und Verwendung auch von Kunstwerken des hohen Mittelalters schwer verständlich scheint. Gestiftete Objekte und Bauten konnten zu den guten Werken gehören, die die Sorge für das Seelenheil des Einzelnen durch die Gemeinschaft beförderten.
In der Sektion soll es um die einzelnen Personen gehen, waren es Gründer, Stifter oder Mitglieder monastischer Gemeinschaften in deren Einflussbereich, und um die oft inschriftlich gekennzeichneten Werke, von ihnen oder für sie gestiftet. Damit können sowohl Kirchen als Memorialgebäude, Stifterfiguren und Grabmäler des 13. Jahrhunderts oder Objekte der Schatzkunst, z. B. aus den Schätzen von St. Michaelis in Lüneburg oder St. Blasius in Braunschweig, betrachtet werden.
Den zeitlichen Rahmen bilden die Jahrhunderte zwischen dem Erscheinen des sächsischen Herrschergeschlechts der Brunonen im 10. Jahrhundert über Kaiser Lothar III. bis zu den Welfen, zu Heinrich dem Löwen, seinen Söhnen, dem Enkel Otto und ihren Frauen. Es liegt nahe, Referate auf die Region zu konzentrieren, die ab 1235 zum neugegründeten Herzogtum Braunschweig gehörte.
Methodisch soll es um materielle Hinterlassenschaften gehen, aber es sind Darlegungen interdisziplinärer Probleme möglich, in Fortführung von aktuellen Fragenstellungen zur Gender-Forschung, Liturgie in St. Blasius in Braunschweig oder zu Grabstätten, wie sie etwa zuletzt für „Braunschweig“ bearbeitet wurden.

17. Um 1200. Die Rolle Hildesheims in einer Zeit „europäischer Globalisierung“ (Klaus Niehr / Osnabrück)
Seit den Anfängen einer auf stilistisch-formale Eigenheiten von Kunstwerken fokussierten Wissenschaft hat man nicht nur für das Gebiet Deutschlands die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert als „Sattelzeit“ ausgemacht, die sich durch entscheidende Umbrüche in Architektur und Bildkünsten in die Geschichte einschreibt. Mit der Ausstellung The Year 1200 (New York 1970) wurde diese Zeit dann erstmals als kulturelle Einheit thematisiert und ihr eine Sonderstellung bescheinigt, die weniger in künstlerischer Homogeneität, als in einer überaus vielgestaltigen Formenwelt zu finden sei. Tatsächlich stehen Antikenrezeption und Auseinandersetzung mit byzantinischer Kunst, Importe aus dem Süden, dem Osten wie dem Westen unmittelbar nebeneinander und führen zu differenten Ausprägungen in Werken der Skulptur und der Malerei. Auf dem Feld der Architektur sieht es nicht viel anders aus: Moderne Bautechnik aus Frankreich beginnt sich durchzusetzen und steht neben einem Festhalten an traditionellen Verfahrensweisen der Errichtung von Gebäuden. Darüber hinaus sind zahlreiche Mischformen zu beobachten, die auch hier zu einem insgesamt komplexen Gesamtpanorama führen.
Vor dem Hintergrund derartiger Beobachtungen soll nach der Rolle und dem Stellenwert Hildesheims in der und für die Kunst um 1200 gefragt werden. Wie verhält sich das alte religiöse Zentrum in Niedersachsen angesichts der von Umbrüchen und neuen Tendenzen geprägten Situation? Gehen von hier innovative Impulse aus oder lässt sich allenfalls eine rezeptive Haltung feststellen? Ist die Stadt Peripherie oder kann sie eine Zentrumsfunktion für das Umland übernehmen? Wie definiert Hildesheim seine Rolle als wichtige religiöse und kulturelle Metropole gegenüber anderen Städten und auf welche Weise wird das durch Kunst sichtbar gemacht? Schließlich im Hinblick auf eine kunstgeschichtliche Beschreibung und Deutung der Phänomene: Besteht die Möglichkeit, hier mit den Begriffen ‚Romanik‘ und ‚Gotik‘ zu operieren? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Und wie hilfreich können dabei auf Schlagworte reduzierte Formeln, etwa „Zwischen Gotik und Byzanz“ (Belting), sein?
Die Fragen gewinnen an Aktualität, nachdem man inzwischen die Situation an anderen politisch und künstlerisch prominenten Orten sehr viel genauer als vorher einzuschätzen gelernt hat. Für Magdeburg, Halberstadt oder Naumburg, aber auch für Städte am Rhein, in Westfalen oder in Lothringen liegen mittlerweile jüngere Studien vor, die den Prozess der Verflechtung mit europäischer Kunst weitaus besser dokumentieren als bisher. Entsprechend ist auch für Hildesheim um 1200 nach den Wirkungen aktueller und alter, neu in den Blick getretener Kunst zu fragen und die Stadt im Spektrum ästhetischer Standards wie der Austauschbewegungen der Zeit zu verorten. Geschehen soll das anhand von Werken aus Architektur und Bildkünsten, die zwischen ca. 1200 und 1240 entstanden sind und damit eine direkte Konfrontation nahelegen mit den zur gleichen Zeit außerhalb Hildesheims geschaffenen Werken. Diese Gegenüberstellungen sollen die Basis bilden für eine Konzeptionalisierung der Beobachtungen und damit die Grundlage schaffen für eine möglicherweise notwendige neue Beschreibung der Phänomene Hildesheimer Kunst um 1200.

18. Ursprünge. Herkunftsnarrative zu Objekten, Materialien und Techniken in Früh- und Hochmittelalter (Philippe Cordez / München & Rebecca Müller / Frankfurt)
Gemessen an der langen Geschichte ihrer Objekte ist die Kunstgeschichtsschreibung eine ziemlich junge und auch spezifische Form der Erzählung und der Deutung. Ihre Hauptfragen sind nach wie vor weitgehend von ihrer eigenen Geschichte geprägt, die nach etablierter Auffassung bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht – jene Zeit also, ab der insbesondere der Figur des Künstlers wachsende Bedeutung zugemessen wurde. Was lernen wir aber, wenn wir nach älteren, mittelalterlichen Narrativen zum Ursprung von hervorgehobenen Objekten, bewunderten Materialien und besonderen Techniken suchen?
Herkunftsnarrative erklären nicht nur, wie und wann ein Objekt, ein Material, eine Technik entstand und wo sie herkommen: Sie können auch eine Distanz feststellen,  einen bestimmten Status zusprechen und einen lokalen Kontext von Bewunderung, Verehrung oder anderen Formen der Auseinandersetzung prägen.
In dieser Sektion sollen Narrative untersucht werden, welche die Herkunft 1. einzelner Objekte, 2. ganzer Objektgattungen, 3. von bestimmten Materialien oder auch 4. von Techniken erläutern. In welchen Situationen und mit welchen Absichten sind Herkunftsnarrative entstanden? Aus welchen Quellen schöpften sie, lassen sich wiederkehrende Prinzipien ihrer Herstellung und Durchsetzung oder auch bestimmte Strategien erkennen? Welches Verhältnis besteht zwischen Herkunftsnarrativen zu realen Objekten einerseits und solchen zu fiktiven, literarischen Erfindungen andererseits? Wie wurden Herkunftsnarrative tradiert und vermittelt, etwa mündlich oder durch welche Schrift- und Textgattungen, oder auch in künstlerischer und performativer Form? Inwiefern hängt ihre Geschichte mit der Entwicklung der Schriftlichkeit, der Geschichtsschreibung, der Wissensgewinnung zusammen und wie vermochten sie es schließlich, bestimmte Objekte narrativ zu deuten und kulturell einzuordnen?

19. Wandmalerei des hohen Mittelalters: Kunstgeschichte und Restaurierung (Ursula Schädler-Saub / Hildesheim & Heidrun Stein-Kecks / Erlangen)
Wandmalerei, Architekturpolychromie und Architekturoberflächen des hohen Mittelalters stellen die Forschung vor komplexe Probleme. In den allermeisten Fällen fragmentarisch überliefert, kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, bestimmte Entwicklungen und Konzepte der Bau- und Bild-Künste im hohen Mittelalter zu analysieren. Der Stand der Forschung bietet ein heterogenes Bild; neben exemplarischen Einzeluntersuchungen fehlt bislang ein Standard für die flächendeckende Erfassung und Beschreibung der Objekte, der auch die Grundlage für web-basierte Corpus-Werke und digitale Visualisierungen darstellen muss.
Das heutige Aussehen und die materielle Substanz dieser Wandmalereien und Architekturoberflächen sind durch verlustreiche Freilegungen, interpretierende Übermalungen und vielfache Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts gekennzeichnet. Komplexe Schadensphänomene, die z. B. zu farblichen Veränderungen führen, erfordern eine Analyse des Bestandes in seinem Umfeld und in Interaktion mit späteren Eingriffen. Eine möglichst präzise Vorstellung vom Original kann demnach nur interdisziplinär erarbeitet werden, ausgehend von restauratorischen Untersuchungen und von der Rekonstruktion der Restaurierungsgeschichte. Ohne ein umfassendes Verständnis und eine entsprechende Beschreibung und Dokumentation der überlieferten materiellen Substanz, ihres Erhaltungszustandes und ihrer historischen Überformungen und Interpretationen ist eine kunst- und kulturhistorische Bewertung des Originals und der späteren Hinzufügungen nicht möglich. Dieses Wissen ist auch eine unverzichtbare Voraussetzung für aktuelle restauratorische und denkmalpflegeri-sche Entscheidungen sowie für digitale Visualisierungen.
Die Sektion zur Wandmalerei des hohen Mittelalters bietet ein Forum für den interdisziplinären Austausch zwischen den verschiedenen Wissenschafts- und Technologiebereichen der Kunstgeschichte und Geschichte, der Material- und Restaurierungswissenschaft, der Bauforschung und Denkmalpflege sowie der Informationswissenschaften. Sie möchte den Dialog zwischen Spezialdisziplinen fördern, um materialkundliche, konservatorische, kunst- und kulturhistorische Erkenntnisse besser zu vernetzen und damit die Forschung auf diesem vielschichtigen Gebiet zu intensivieren. Nicht zuletzt soll damit die sachgerechte Erhaltung und angemessene Präsentation dieser Kulturdenkmale unterstützt werden.
Wir bitten um Beitragsvorschläge zur Sektion, insbesondere mit folgenden Themenschwerpunkten:
-  Fallbeispiele zur Wandmalerei und allgemein zur polychromen Gestaltung von Architekturoberflächen bis ca. 1250, basierend auf neuen Funden und aktuellen Forschungsergebnissen;
- Dokumentation, Inventarisierung und Erforschung von Wandmalereibeständen des hohen Mittelalters;
- Erfassung, Dokumentation und Auswertung historischer Restaurierungen von Wandmalereibeständen des hohen Mittelalters;
- Rezeption von hochmittelalterlicher Wandmalerei in historistischen Neuausstattungen und mediale Überlieferungen verlorener Bildausstattungen
- Wandmalerei im Kontext bildkritischer Reformbewegungen bzw. bildtheoretischer und  bildtheologischer Konzepte des Hochmittelalters;
- Neue Forschungen zu Stil, Gestalt und Transfer insbesondere zwischen den Bildgattungen sowie zwischen „Byzanz“ und dem „Westen“.

Referatsvorschläge:
Max. 1.800 Zeichen
Deadline: 20. Oktober 2014

Kontakt:
mail@mittelalterkongress.de
Nähere Informationen: www.mittelalterkongress.de

Forum Kunst des Mittelalters
c/o Deutscher Verein für Kunstwissenschaft
Jebensstr. 2
10623 Berlin

 

Zuletzt geändert am: Aug 30 2014 um 8:58 AM

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Call for Papers - III. Forum Kunst des Mittelalters, Hildesheim 16.-19. September 2015downloads: 82 | type: pdf | size: 459 kB